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Der Weltmeisterzug

Der Weltmeisterzug



Am 5. Juli 1954 kehrten die „Helden von Bern“ mit einer modernen Diesellok VT 08 („Weltmeisterzug“) der damals noch jungen Bundesbahn aus der Schweiz nach Deutschland zurück. Bereits bei der deutschen Exklave Büsingen in der Nähe von Schaffhausen in der Schweiz, stellten sich die auf die Fußballer wartenden Menschen auf die Schienen, damit der Zug anhalten musste. Die Menschen wollten ihre neuen „Stars“ einfach kurz sehen, dann durfte der Zug weiterfahren. Zwischen 11 Uhr und 12 Uhr bekam Josef Weber von den Maggi-Werken in Singen den Anruf aus der Zentrale in Frankfurt am Main, dass er „etwas“ für den Empfang der frisch gebackenen Weltmeister auf dem Singener Bahnhof organisieren sollte. Weil sich seine Chefs bereits in der Mittagspause befanden, ließ er sich diese Weisung noch einmal schriftlich per Telex schicken. Nun musste er sich über Inhalt (die berühmte Suppenwürze war fester Bestandteil der Geschenkpackung) und Gestaltung von 30 Geschenken den Kopf zerbrechen und den Schichtwechsel um 14 Uhr abwarten. Schließlich benötigte er einige adrette Mitarbeiterinnen, welche um 14:30 Uhr auch gleich frisch eingekleidet werden konnten. Eine von ihnen war Irmgard Bächle. Die Geschenke sahen noch immer nicht richtig toll aus und deshalb mussten noch 90 Nelken beschafft werden. Um 15 Uhr konnten sie endlich über einen direkten Durchgang zum Bahnhof hinüber, denn der Zug wurde zwischen 15 und 16 Uhr erwartet. Doch das was sie beim Öffnen der Türen zum Bahnhof sahen, war überwältigend. Auf dem Bahnhof befanden sich über 30.000 Menschen. Das waren mehr, als diese Stadt damals an Einwohnern vorzuweisen hatte.

Auch Ulrich Biesinger erinnert sich nach dem Grenzübertritt an ein unglaubliches Bild, welches sich ihm ewig einprägen sollte: So weit das Auge sehen konnte, befanden sich überall mit weißen Tüchern winkende Menschen. Selbst auf den Bergen standen sie. Bei der Vorbeifahrt an den Traktorenwerken in Gottmadingen, ertönten die Firmensirenen. An den Gleisen wurden Traktoren aufgestellt, in deren in den Himmel gestreckten Schaufeln sich ebenfalls winkende Menschen befanden. Der Zug konnte nur im Schritttempo in den Singener Bahnhof einfahren. Als ein Glasdach mit den sich darauf befindenden Menschen einbricht, darf keiner der Fußballer den Zug verlassen. Irmgard Bächle wurde Helmut Rahn und Horst Eckel zugeteilt. Sie überreichte ihnen die Geschenke und bemerkte, dass die Aufschrift „Weltmeister 1954“ aus einem weißen Leinentuch bestand. Die Zeremonie dauerte nicht sehr lange. Der Oberbürgermeister Theopont Diez hatte eine Rede vorbereitet, doch sie ging im Chaos und Trubel völlig unter. Die Musikkapelle hatte keinerlei Bewegungsfreiheit und konnte demzufolge auch nicht aufspielen. In Bodman am Bodensee hatte sich zu diesem Zeitpunkt ein junges Mädchen einen Strauß roter Nelken gekauft, welche sie unbedingt Fritz Walter überreichen wollte. Sie musste zunächst mit dem Schiff über den See zu den Bahngleisen im Norden fahren. Sie stellte sich auf freier Strecke an die Schienen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich kein Mensch in ihrer Nähe. Der Weltmeisterzug erreichte inzwischen Radolfzell am Bodensee. Ein kleines Mädchen kam genau in dieser Minute mit ihrem Zug von der Schule zurück. Sie hatte dadurch zufällig den besten Platz und konnte über die Bahnhofslautsprecher hören, wie die Spieler vorgestellt wurden. Sie hörte „Toni Turek mit den großen Händen“ und Toni winkte aus seinem Zugabteil. Sie sah, dass er wirklich große Hände hatte. Auf dem Weg von Singen nach München fährt man eigentlich nicht durch Konstanz. Aber die damals 60.000 Einwohner zählende Stadt bestand auf die Durchfahrt des Zuges. Auch in Konstanz war der Hauptbahnhof dicht von zigtausend Menschen belagert. Der junge Radioreporter Rudi Michel versuchte sich bereits in Singen zum Zug durchzuschlagen. Erst in Konstanz konnte er das erste Interview mit Sepp Herberger nach der Rückkehr aus der Schweiz durchführen. Nachdem der Zug mit Lebensmitteln versorgt werden konnte, fuhr er nach einer halben Stunde Aufenthalt wieder zurück nach Radolfzell und dann weiter in Richtung Ludwigshafen am Bodensee. Weit vor dieser kleinen Ortschaft stand noch immer das junge Mädchen mit dem Strauß roter Nelken. Ihre Eltern hatten keinerlei Verständnis dafür. Doch inzwischen stand sie nicht mehr alleine an den Gleisen. Es war alles voller Menschen und dies auf freier Strecke. Der Zug fuhr wie immer ganz langsam, doch sie konnte ihren Strauß „nur“ Hans Schäfer überreichen. Doch seit diesem Tag war sie begeisterte Anhängerin des Fußballsports. Noch heute sieht sie sich im Fernsehen jedes Bundesligaspiel an. In Ludwigshafen am Bodensee hatte der fußballverrückte Friseur Lindenmaier an diesem Tag eigens eine Kanone aufgestellt. Er feuerte damit Salutschüsse für die durchfahrenden Fußballweltmeister ab. In Wasserburg am Bodensee sollte der Zug ebenfalls halten, tat dies aber nicht. Ein kleiner Junge schnappte sich daraufhin sein Fahrrad und fuhr damit schneller als der Zug nach Lindau. Dort sollten die Fußballhelden erstmals auf deutschem Boden wieder übernachten. Keine leichte Aufgabe für Hans Mühe vom Fremdenverkehrsamt in Lindau. Anfang Juli ist schließlich Hauptsaison in der Sommerurlaubszeit am Bodensee. Er ließ also kurzerhand das Hotel Reutemann von Touristen räumen. Als der kleine Junge mit dem Fahrrad auf die Inselstadt Lindau kam, staunte er nicht schlecht: Auf allen Bäumen saßen Menschen. Er kämpfte sich mühsam bis zum Hotel Reutemann durch, kletterte die Dachrinne zum Balkon empor und ließ sich von jedem Spieler ein Autogramm geben. Allein der Schaden an den Blumenbeeten rund um das Hotel Reutemann wurde am nächsten Tag auf 5.000 DM geschätzt. 182 Omnibusse aus dem Umland waren extra nach Lindau gefahren, dazu noch etliche Sonderzüge. Die Stadt befand sich im Ausnahmezustand. So etwas hatte es weder vorher noch nachher jemals gegeben.

Hall of Fame des deutschen Fussballs

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